Was mich bewegt...

Selbst ausgewiesene Realisten (zu denen ich mich zähle) werden sich Anfang 2000 nicht ausgemalt haben, wie tiefgreifend die Veränderungen der Arbeitswelt im Verlaufe nur eines Jahrzehnts ausfallen würden. Dass kaum eine Nische der Gesellschaft, kaum ein Winkel in den Organisationen erhalten bleiben würde, in den die Ökonomie mit ihren verschiedenen Folgeerscheinungen nicht eindringen würde, das haben sich die meisten Berufstätigen nicht plastisch genug vorstellen können. Effizienzdruck, Ressourcen- verknappung, Leistungsverdichtung, Beschleunigung, Komplexitätssteigerung, Veränderungszwang und nicht selten auch existenzielle Verunsicherung sind die Stichworte dieser Entwicklung. Der Zwang zur Bewältigung dieser Herausforderungen ist nach und nach immer unausweichlicher geworden und gerade manche Tüchtigen zahlen inzwischen einen hohen Preis für die Anpassungsleistung, die ihnen diese Entwicklung abverlangt. Das bewegt mich zunehmend, und ich realisiere, dass es  manchen Professio-nellen schwer fällt, unter diesen Bedingungen weiter kreativ und produktiv tätig zu sein. Nahezu alle Supervisions- und Beratungsprozesse handeln davon, wie diese Herausforderungen bewältigt werden können. Dazu zählt auch die kluge, reflektierte Bearbeitung unausweichlicher Konflikte, die aus diesen Umfeldbedingungen resultieren.

Als Familienvater bewegen mich – gemeinsam mit meiner Frau – natürlich auch die Perspektiven unserer inzwischen erwachsenen Kinder, so weit sie sich aus dieser Entwicklung ergeben. So sehr ich sie um ihre vielfältigen Ausbildungs- und Studienthemen beneide, so deutlich steht mir vor Augen, dass gerade meine Generation bei der Annäherung an das Arbeitsleben sehr privilegierte Bedingungen vorfand: Sowohl die Zeiträume, die uns zur beruflichen Sozialisation zur Verfügung standen, als auch die Ressourcen, die wir zur Umsetzung unserer Reformprojekte vorfanden, waren aus heutiger Sicht beneidenswert. Manche meiner Supervisanden könnten meine Kinder sein. Manche ihrer zukunftsbezogenen Fragen machen mich nachdenklich. Allerdings erlebe ich auch eine inhaltlich differenzierte, kritische und zukunftsorientierte Auseinandersetzung mit Themen, die die Entwicklung des Arbeitslebens und der Welt insgesamt betreffen. Das macht Mut und Hoffnung, und es hält lebendig.